Das Kriegerdenkmal an der Stadtpfarrkirche St. Martin in Dornbirn

„Das hatte seinen Ort in einer bestimmten Zeit. Aus dieser Zeit heraus versteht man die Sprache...“ Jan Assmann

Am Samstag, den 15. Juli 1922 berichtete Bürgermeister Engelbert Luger erstmals offiziell der Stadtvertretung über die Idee ein Kriegerdenkmal für die Dornbirner Gefallenen und Vermissten des Weltkrieges zu errichten und stellte den Antrag, einen Ausschuss zur Errichtung eines Kriegerdenkmales zu installieren. Als Mitglieder dieses Ausschusses wurden gewählt: Bürgermeister Engelbert Luger, Stv. Ing. Josef Thurnher, Ing. Julius Diem, Stv. Jakob Mayer, Martin Dünser, Heinrich Theimer, Xaver Winkler, Dr. Franz Bertolini und Rudolf Feuerstein, Agent [1].

In der Stadtvertretungssitzung vom 30. Oktober 1922 berichtete der Bürgermeister als Obmann des Kriegerdenkmalausschusses, dass er nunmehr in der Lage sei, einen einstimmig genehmigten Vorschlag des Ausschusses zu präsentieren: Neben verschiedenen Vorschlägen von Prof. Kamler, Prof. Alfons Luger und Wilhelm Fleisch sei auch die Idee der Anbringung von Gedächtnistafeln zwischen den Türen unter dem Portal der St. Martinskirche geprüft worden. Dabei sei ein neuer Vorschlag entstanden, „nämlich zur Ausführung eines Planes, der schon im Jahr 1895 geschaffen wurde und die Anbringung eines Bildes an der Portalwand „Die vier letzten Dinge“ von Prof. Huber=Feldkirch in Aussicht nimmt. (...) Am Abschluss seines Urlaubs kam Herr Prof. Huber am Dienstag, den 19. September d. J. nach Dornbirn und in der Sitzung des Denkmalausschusses an diesem Tag erklärte er in längerer Ausführung seine Komposition und machte aufmerksam auf allfällige Abänderungen, die er treffen würde, um das Bild der Widmung als Kriegerdenkmal anzupassen [2].

Die vier letzten Dinge, Entwurf für ein Fresko an der Pfarrkirche St. Martin, Dornbirn, 1895

Die vier letzten Dinge, Kriegerdenkmal an der Pfarrkirche St. Martin, Dornbirn, 1923

Öffentlicher Aufruf

Im Gemeindeblatt v. 5. November desselben Jahres erfolgte der erste öffentliche Aufruf zur Errichtung des Denkmals:

„Es hat sich in der letzten Zeit die Stadtvertretung mit dieser Angelegenheit beschäftigt und einen Ausschuss eingesetzt, der die Vorarbeiten für ein Kriegerdenkmal durchzuführen hat. Eine grundsätzliche Aussprache über die Art des Denkmales, über den Ort, hat, nachdem die verschiedenen Möglichkeiten in Betracht gezogen worden, die volle Einmütigkeit hinsichtlich eines Planes gezeitigt, den wir hiemit der Öffentlichkeit vorlegen. Es soll für die ganze Stadt ein Denkmal errichtet werden und zwar am Hauptplatze der Stadt, am Marktplatz. Monumental ist der Platz beherrscht durch das große Säulenportal der Pfarrkirche; dessen große leere Seitenwand fast laut den Beschauer einladet, hier ein Denkmal anzubringen, das so nicht nur wirklich einen Ehrenplatz bekommt, sondern gleichzeitig auch wieder der ganzen Umgebung zur Zierde und zum Schmucke wird.

Nicht bloß dieser Gedanke allein war maßgebend, das große Portal als Platz zu wählen, sondern auch noch ein anderer; bei der Stadtpfarrkirche war ursprünglich ringsherum der Friedhof des alten Dornbirn; noch sind dort einige Grabsteine eingemauert als Zeugen früherer Zeiten. Wenn wir die Namen unserer gefallenen Soldaten in großen Tafeln an der Hauptfront der Kirche anbringen, folgen wir einem alten Brauche unseres deutschen Volkes, welches solche Plätze als die ehrenvollen hielt und mit ihrer Vergebung sehr wählerisch vorging. Es gibt in der ganzen Stadt keinen Ort, wo wir die Namen von 530 Mitbürgern deutlich sichtbar, in Erz gegossen, unserer Nachwelt übermitteln könnten, als die Portalseite unserer Stadtpfarrkirche und über den Namen ein großes Wandgemälde in der vollen Breite der Kirche. Es würde zu den größten Gemälden Europas gehören, nicht so leicht jemand uns nachmachen kann, weil die Voraussetzungen dazu sich selten so zutreffen, wie gerade in Dornbirn; überdies an einem Platze, den alle Bürger unserer Stadt, groß oder klein, immer wieder aufsuchen und an dem vorbei auch der Zug der Fremden geht, die unsere Stadt besuchen . Während andere Orte mit Mühe einen geeigneten Platz finden, der allen Wünschen und allen Gesichtspunkten entspricht, gibt es für den Denkmalausschuss in Dornbirn darüber keinen Zweifel.“
[4]

Im selben Aufruf wurde bekannt gegeben, dass am Sonntag, den 12. November „in der ganzen Stadt durch die Mitglieder der Gemeindevertretung und durch Heimkehrer eine Sammlung durchgeführt“ wird, da das Denkmal einen Betrag von 10.000 Schweizerfranken [5] erfordere. 5.000 Franken waren bereits seitens der Dornbirner Industriellen zugesichert worden. [6] Die erste Sonntagssammlung erbrachte rund 60 Millionen Kronen [7]. Bis Ende November wurden über – einschließlich der Spenden der Großindustriellen – 137 Millionen Kronen aufgebracht. Daraufhin wurde der Stadtrat in Ausführung des Stadtvertretungsbeschlusses vom 30. Oktober d. J. beauftragt, die Bestellung des Monumentalbildes zu besorgen. [8]

Kriegergedenken

In den folgenden Monaten stellte der Denkmalausschuss die Namen jener zusammen, die auf der Tafel verewigt werden sollten:
„Wie bereits bekannt ist, sollen die Namen der im Weltkriege gefallenen und seit 1914 in der Gefangenschaft verstorbenen und vermißten (gerichtlich für tot erklärten) Krieger [...] erhalten werden [...] und sollen auch die Namen derjenigen verzeichnet werden, die nachweisbar an den Folgen der im Kriege sich zugezogenen Verletzungen oder Krankheiten, erst nach Entlassung (Abrüstung) aus dem Kriegsdienste, gestorben sind.“ [9]

Das vorläufige Verzeichnis wurde veröffentlicht um Änderungen bzw. Ergänzungen durch die Bürgerinnen und Bürger zu ermöglichen. Zwischenzeitlich wurden auch Angebote für die Gedenktafeln eingeholt. Drei Firmen offerierten: die Firma Heinrich Keim in München welche gegossene, bronzern patinierte Tafeln anbot, die Württembergische Metallwarenfabrik bot an, die Tafeln in Galvanotechnik zu erstellen und die Dornbirner Schlossermeister Wilhelm Zimmermann und Martin Mäser planten die Tafeln in Kupferblech, die Namen getrieben, zur Anbringung auf einem Eisengestell, auszuführen. Die Anschaffung der Tafeln belief sich auf ca. 50 Millionen Kronen. Bürgermeister Luger wollte „gerne das heimische Gewerbe berücksichtigen, jedoch gerade das Offert von Zimmermann und Mäser sei sehr unvollkommen und enthalte lediglich die Kosten für die Beschaffung des Kupferblechs und für die Treibung der Namen. Das Zeichnen der Schriften verursache große Arbeit, sei jedoch im Offert nicht vorgesehen, ebenso sei die Befestigung dieser großen Kupfertafeln auf einem Eisenrahmen nicht im Offerte, er sei daher nicht in der Lage, einen politischen Antrag zu stellen.“ [10]

Die Stadtvertretung ermächtigte Bürgermeister und Denkmalausschuss, die „Angelegenheit bezüglich der Gedenktafeln endgültig zu erledigen.“ [11] Einer Gemeindeblattmitteilung vom 2. Dezember 1923 ist zu entnehmen, dass Zimmermann und Mäser den Auftrag bekommen hatten.

Gedenktafeln für die Gefallenen des 1. Weltkrieges

Das Giebelmosaik

Zusätzlich wurde berichtet,
„Unser Kriegerdenkmal am Kirchenportal der St. Martinskirche, erhält eine weitere Bereicherung durch die Ausführung eines Bildes in Mosaik (Steinmalerei), am Giebelfeld des Portales durch Herrn Prof. Huber. Kunstfreundliche Bürger unserer Stadt haben die erforderlichen Mittel hiezu zur Verfügung gestellt, es fehlt nur noch ein kleiner Rest. Spenden zu diesem Bilde und die Einzahlung der bereits gezeichneten Beträge, wird ersucht, in nächster Zeit, in der Stadtkassa im Rathause zu erlegen. Herr Prof. Huber und sein Assistent Winkler [12], sind seit ihrer Abreise von Dornbirn, an der Kunstakademie in Düsseldorf, mit der Ausführung dieses Auftrages beschäftigt.” [13]

Josef Hubers Assistent Georg Winkler beim Anfertigen des Giebelmosaiks, 1924, Repro StAD

Einweihung

Im März 1924 wurde in einer Voranzeige erstmals auf die Eröffnung des Denkmales am Ostermontag d. J. hingewiesen. [14] und bereits am 13. April durch den Denkmalausschuss und den Invalidenverband Vorarlberg, Dornbirn, zur Teilnahme eingeladen. Mit einem Gedenktag am Ostermontag 1924 und einem „Feierlichen Trauergottesdienst“ am darauf folgenden Osterdienstag wurde das Kriegerdenkmal unter großer Beteiligung vieler örtlicher Vereine [15] und der Dornbirner Bevölkerung feierlich enthüllt. [16] Die Festansprache hielt Prälat Dr. Karl Drexel, den Festgottesdienst Bischof Waitz.

Das Bild ist ein beeindruckendes Zeitdokument, das als „lebendes Geschichtsbuch“ benützt werden kann. Das „Kriegerdenkmal war in erster Linie ein Zeugnis der Verherrlichung von Krieg bzw. „edlem“ Soldatentum und aussagekräftig, was die offizielle Sicht des Krieges und – diesen überdauernd – die Idealisierung des Militärischen während der Ersten Republik betraf. Die Genugtuung, als Sieger heimzukehren, war den Soldaten verwehrt geblieben. Zudem fanden Krieger von der Front und aus der Gefangenschaft nicht das, was ihnen nach den ungeheuren Strapazen gebührt hätte.

Einweihung des Kriegerdenkmales, Dornbirn, Ostermontag 1924, Repro StAD

Revanchegedanken – „Mein ist die Vergeltung“ – für eine als Unrecht charakterisierte Niederlage sowie für den anschließenden politischen und wirtschaftlichen Niedergang in die Darstellung des Denkmalgemäldes hinein zu interpretieren, lag auf der Hand [17]:

„Diese (Darstellung) selbst gliedert sich in vier deutlich geschiedene Teile, da der Hauptgedanke der göttlichen Vergeltung durch die Darstellung der vier letzten Dinge ersichtlich gemacht wird. [...] Die Darstellung des Gerichts und der Hölle allerdings muß in diesem Zusammenhang vornehmlich auf die ruchlosen Anstifter und Schürer des Weltkriegs gedeutet werden, wie denn auch der Meister in der kurzen Beschreibung des Bildes selbst sagt, dass wir vom obersten Richter hoffen, er werde ‘die Kriegslügen aufdecken’.“ [18] Ein wesentlicher inhaltlicher Bestandteil des Kriegerdenkmales war die über dem Hauptportal angebrachte Inschrift „Mein ist die Vergeltung“. Sie wurde im Zuge von Restaurierungs- und Umbauarbeiten 1960/61 entfernt, die ursprüngliche Aussage des Bildes somit stark „verfremdet“.

"Mein ist die Vergeltung"

[1] Dornbirner Gemeindeblatt 30 / 53. Jahrgang v. 23.7.1922, S.307

[2] Werner Bundschuh in Bestandsaufnahme: Heimat Dornbirn 1850-1950., S. 304 (Anm. 46): Prof. Josef Huber aus Feldkirch hatte ein monumentales, von martialisch-revanchistischem Gedankengut durchtränktes Gemälde geschaffen; (...) Siehe dazu: Ulmer, Andreas: Kriegergedächtnisbild und Giebelmosaik von Professor Josef Huber, Feldkirch, an der Stadtpfarrkirche St. Martin, Dornbirn. Auf S. 10 heißt es dort: „Die Darstellung des Gerichtes und der Hölle allerdings muß in diesem Zusammenhang vornehmlich auf die ruchlosen Anstifter und Schürer des Weltkrieges gedeutet werden, wie denn auch der Meister in der kurzen Beschreibung des Bildes selbst sagt, daß wir vom obersten Richter hoffen, er werde die Kriegslügen aufdecken`”...

[3] Hieronymos, Augustinus, Chrysostomus, Dante Alighieri, Michelangelo Buonarotti, Albrecht Dürer, Hans Memling, Luca Signorelli, Franz Suarez, Peter Paul Rubens, John Milton, Friedrich Gottlieb Klopstock, Peter v. Cornelius

[4] Dornbirner Gemeindeblatt 45 / 53. Jahrgang v. 5.11.1922. S. 469

[5] Hieronymos, Augustinus, Chrysostomus, Dante Alighieri, Michelangelo Buonarotti, Albrecht Dürer, Hans Memling, Luca Signorelli, Franz Suarez, Peter Paul Rubens, John Milton, Friedrich Gottlieb Klopstock, Peter v. Cornelius

[6] Dornbirner Gemeindeblatt 45 / 53. Jahrgang v. 5.11.1922. S. 462

[7] Zeitwert: 140 Millionen Kronen

[8] wie Anm. 5, S. 464

[9] Dornbirner Gemeindeblatt 46 / 53. Jahrgang v. 12.11.1922. S. 490

[10] Dornbirner Gemeindeblatt 49 / 53. Jahrgang v. 3.12.1922. S. 462

[11] Dornbirner Gemeindeblatt 26 / 54. Jahrgang v. 1.7.1923. S. 323

[12] Dornbirner Gemeindeblatt 28 / 54. Jahrgang v. 15.7.1.1923. S. 351.

[13] Dornbirner Gemeindeblatt 49 / 53. Jahrgang v. 3.12.1922. S. 462

[14] * 1879; 01962 Georg Winkler, Schüler von Prof. Karl von Marr und Wilhelm von Diez , Matrikelbuch 1884-1920

[15] matrikel.adbk.de/05ordner/mb_1884-1920/jahr_1898/matrikel-01962 (Zugriff vom 27/01/10) [15] Dornbirner Gemeindeblatt 48 / 54. Jahrgang v. 2.12.1923. S. 657

[16] Dornbirner Gemeindeblatt 13 / 55. Jahrgang v. 13.3.1924. S. 196.

[17] in der Aufzählung fehlen die sozialdemokratischen Vereine

[18] Dornbirner Gemeindeblatt 16 / 55. Jahrgang v. 20.4.1924. S. 264.