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Demonstrationszug auf dem Weg zum Rathaus
Demonstrationszug auf dem Weg zum Rathaus, © Stadtarchiv Dornbirn/Reinhard Geiger, Sign. 30304-6
Demonstrationszug auf dem Weg zum Rathaus
Demonstrationszug auf dem Weg zum Rathaus, © Stadtarchiv Dornbirn/Reinhard Geiger, Sign. 30304-6

Mehr Potenz für Dornbirns Kultur - Ein Sammelaufruf des Stadtmuseums

Mehr Potenz für Dornbirns Kultur - Ein Sammelaufruf des Stadtmuseums

Heuer jährt sich die Jugenddemo von 1981 zum 40. Mal. Aus diesem Grund suchen wir Zeitzeugnisse rund um den Generationenkonflikt Anfang der 80er Jahre.

Im Frühjahr 2020, zum Zeitpunkt des ersten Lockdowns, veröffentlichte das Stadtmuseum Dornbirn in seiner Reihe „Kunst in der Stadt“ einen Artikel zum Denkmal des Langzeitbürgermeisters Dr. Johann Georg Waibel. Coronabedingt wurde diesem eine Mund-Nasenschutz-Maske aufgesetzt. Ein Attribut, welches an das Jahr 1981 erinnerte, als Dr. Waibel schon einmal unfreiwillig Träger eines Fremdkörpers wurde. Unser Gemeindeblattartikel blieb auch nicht unbemerkt von einem Beteiligtem der Dornbirner Jugenddemo von 1981.

Thomas Sandri kam Ende 2020 auf das Stadtmuseum zu mit dem Anliegen, in irgendeiner Form an das am 18. Jänner 2021 exakt 40 Jahre zurückliegende Ereignis zu erinnern. Diesem Ansinnen kommt das Stadtmuseum gerne nach, denn in unserer zukünftigen Dauerausstellung, welche dem Thema „Erbe/n“ in all seinen Dimensionen gewidmet sein wird, soll auch das 20. Jahrhundert beleuchtet werden.

 

Die legendäre Dornbirner Jugenddemo 1981

Die Demonstration am 18. Jänner 1981 war das Ergebnis von 15 Jahren vergeblichem Kampf für ein offenes Jugendhaus in Dornbirn. Sie hatte Happening artigen Charakter, man startete am Dornbirner Bahnhof mit einem Sarg, der die „Auferstehung der Kultur“ symbolisieren sollte. Die Demonstrierenden sangen „Komm lass Dich nicht erweichen“ („Unter dem Pflaster“, Song von Angi Domdey und der Band „Schneewittchen“, 1976/78), trugen ein Gedicht von Richard Gasser vor, spielten Händels „Halleluja“ oder doch „Hosanna“ aus der Rockoper „Jesus Christ Superstar“ und schwenkten Palmwedel. Die rund 500-600 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zogen über den Marktplatz zum Alten Rathaus und wollten unter dem Motto „Fast 10 Jahre warten sind genug! Jetzt reichts!“ der „Dornbirner Kulturleiche das letzte Geleit“ geben. Im kollektiven Gedächtnis ist vor allem das Symbol der Demonstranten für mehr kulturelle Potenz verankert geblieben. Der aus Pappmaschee fabrizierte überdimensionierte Penis sollte mit samt dem erklärenden Schild „Mehr Potenz …“ an der richtigen Stelle des Waibel-Denkmal angebracht werden. Die Jugendlichen hatten aber die Höhe des Denkmals unterschätzt und so konnte er dem versteinerten Bürgermeister nur zu Füßen gelegt werden.
Dies war jedoch auch der Moment, an welchem die im Stadtfriedhof stationierte Polizei eingriff. Es kam zu einem Gerangel mit der Polizei, nachdem ein zufällig beim Denkmal stehender Demonstrant den Papp-Penis in die Hand gedrückt bekommen hatte und ihn dem Bürgermeister zu Füßen legte. Der von der Polizei überwältigte und ein ihm zu Hilfe gekommener Unterstützer wurden inhaftiert, dank der juristischen Intervention von Dr. Günther Hagen aber kurz darauf wieder freigelassen. Allerdings folgte ein langer Prozess wegen „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ und „Verstoßes gegen die Sittlichkeit“, bei welchem dem Angeklagten drei Jahre Haft drohten. Das Urteil sah eine bedeutende Geldstrafe vor, deren Ratenzahlung der Dachverband der Vorarlberger Jugendzentren für den mittellosen Angeklagten übernahm. (Darstellung folgt Ulrike Unterthurner: Die Jugendhausbewegung in Vorarlberg von 1968 bis 1984. Dargestellt am Beispiel des Vereins „Offenes Haus“ in Dornbirn. Regensburg 2003, S. 85-92)

 

Das NS-Erbe

Abgesehen von dem Anliegen der Jugendlichen und ihrer Fürsprecher nach einem offenen Raum tat sich in dieser langwierigen Auseinandersetzung nicht nur ein Generationenkonflikt auf, sondern unausgesprochen auch der Umgang der Nachkriegsgeneration mit dem NS-Erbe ihrer Eltern und Großeltern. Denn die Jugendkultur war ein einziger Protest gegen diese Vergangenheit. Besonders deutlich wird dieser Grundkonflikt an der mit etwas zeitlichem Abstand verfassten Bilanz von Ulrich Gabriel:

 

„Am Straßenrand konnten wir alle damals die Lösungen hören. Vom Aufhängen am Feuerwehrschlauch bis zum Reichsarbeitsdienst. Die Demonstration richtete sich eigentlich gegen die Stadtpolitik, gegen das ewige Verzögern. Reagiert aber hatte ein Dinosaurier, der nicht im Rathaus war. Der Dinosaurier der immerwährend Ghörigen stand da am Straßenrand und schnaubte und blies Hitlerparolen. Ein Abgrund hatte sich aufgetan, von dem – in diesem Ausmaß (was die gehässigen, faschistischen Reaktionen betraf) – nicht einmal die Politiker gewusst hatten.“ (Ulrich Gabriel, Spielboden, Nr. 39, Jg. 4. April 1984, S. 12)

 

Was wir sammeln

Um diese gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Erbschaften auch physisch in einer neuen Dauerausstellung präsentieren zu können, suchen wir nach Objekten und anderen Zeugnissen dieser Demonstration. Gibt es den symbolträchtigen Sarg noch, Transparente mit der Aufschrift „Wir sind die Kulturleichen der Stadt!!“, Plakate etc.? Das „Corpus delicti“ übrigens wurde nach Auskunft der Verwahrstelle des Landesgerichts Feldkirch „wahrscheinlich schon vor Jahren vernichtet.“

 

Rückmeldungen bitte ausschließlich telefonisch oder per E-Mail an

Stadtmuseum Dornbirn
T +43 5572 306 4911
Marktplatz 11, 6850 Dornbirn
stadtmuseum​(at)​dornbirn.at

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